Einblicke

„Jede Krise ist immer auch eine Krise der Herrschaft.“ – Antonio Gramsci

Vorweg: Ich bin keine große Freundin des Kapitalismus. Nicht nur, weil er auf der charmanten Idee beruht, dass eine Handvoll Menschen absurd reich sein darf, während der Rest um bezahlbaren Wohnraum kämpft. Oder weil er Profitmaximierung für wichtiger hält als den Zustand unseres Planeten. Nein, mein Problem mit dem Kapitalismus ist vor allem, dass er uns in den Kopf kriecht. Er erzählt uns, dass Konkurrenz normal sei, dass Hierarchien naturgegeben sind und dass es keine Alternative gibt.

Blödsinn.

Wovon ich schon eine Freundin bin, sind politische Theorien. Sie helfen uns dabei, Zusammenhänge zu verstehen und das vermeintlich Unveränderbare infrage zu stellen. Und genau deshalb lohnt sich im Zusammenhang mit unserer Genossenschaftsgründung ein Blick auf Antonio Gramsci. Denn wenn wir uns mit Alternativen zum Kapitalismus beschäftigen, landen wir unweigerlich bei seiner Theorie der kulturellen Hegemonie.

Gramsci entwickelte seine Überlegungen in den 1920er- und 1930er-Jahren – in einer Zeit des erstarkenden Faschismus und der Krisen des liberalen Kapitalismus. Er erkannte, dass Herrschaft nicht nur durch Geld und Gesetze gesichert wird, sondern auch durch das, was als selbstverständlich gilt. Die Art, wie wir Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft denken, wird von einer dominanten Ideologie geprägt – einer Ideologie, die uns erzählt, dass es keine Alternative gibt. Gramsci sah Genossenschaften als einen zentralen Bestandteil des Kampfes um eine neue gesellschaftliche Ordnung. Sie verkörpern eine alternative Wirtschaftsweise, die nicht auf Profitmaximierung, sondern auf kollektiver Selbstverwaltung basiert. In seinen Schriften über Gegenhegemonie betonte er, dass Genossenschaften eine tragende Rolle bei der Schaffung eines neuen Bewusstseins und neuer sozialer Strukturen spielen können. Sie sind für ihn nicht nur eine Randerscheinung, sondern eine essenzielle Strategie, um bestehende Machtverhältnisse herauszufordern und schrittweise zu transformieren. In der italienischen Arbeiterbewegung wurden Genossenschaften deshalb nicht nur als wirtschaftliche Notwendigkeit betrachtet, sondern als konkreter Gegenentwurf zum Kapitalismus – als Organisationsform, die eine Wirtschaft auf Basis von Kooperation statt Konkurrenz ermöglicht.

Genau deshalb ist mir die Unternehmensform Genossenschaft so wichtig. Es geht mir nicht darum, eine irgendwie praktikable Unternehmensstruktur zu finden, sondern darum, Wirtschaft bewusst anders zu gestalten. Ich möchte ernsthaft ausprobieren, ob wir auf Kooperation statt auf Konkurrenz aufbauen können. Urbanizers steht als kleines Unternehmen natürlich weiterhin vor wirtschaftlichen Herausforderungen – sei es die Balance zwischen wirtschaftlicher Nachhaltigkeit und inhaltlicher Unabhängigkeit oder die gerechte Verteilung von Verantwortung und Ressourcen im Team. Die Genossenschaft kann uns gegenüber diesen Herausforderungen widerstandsfähiger machen, weil sie auf gemeinschaftlicher Verantwortung und langfristiger Planungssicherheit beruht. Sie gibt uns die Möglichkeit, demokratische Prinzipien bewusst in unsere tägliche Arbeit zu integrieren, Entscheidungsprozesse transparenter zu gestalten und eine Kultur der Zusammenarbeit zu stärken.

In Gramscis Sinne sind Genossenschaften Teil des „Kriegs der Positionen“ – der langfristigen Auseinandersetzung um gesellschaftliche Hegemonie, bei der alternative Strukturen innerhalb eines bestehenden Systems aufgebaut werden. Sie sind keine Wunderlösung, aber sie sind eine Möglichkeit, Marktlogik durch Gemeinwohl zu ersetzen und neue Formen des Wirtschaftens erfahrbar zu machen.

– Franziska Lind, 26.02.2025


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