Einblicke

Mehr Wir, weniger Ich: Teilen als Strategie

Meine Berufsbiographie umfasst jetzt tatsächlich schon mehrere Jahrzehnte, und auch wenn sie nicht immer gradlinig erscheint, war für mich jede Entscheidung logisch. Der Weg von der Werbung in den Journalismus, von Hamburg nach London, vom Journalismus in die Pressestelle, von Dessau nach Berlin, von der Projektleitung in die Selbständigkeit … Überall stand die Stadt und das Zusammenleben in ihr im Fokus. Jedes Mal setzten Gestaltungsmöglichkeiten den Anreiz für eine Veränderung, selten wurde ich enttäuscht, manchmal genervt, immer gefordert. Das galt auch für die letzten 16 Jahre, in denen ich gemeinsam mit Gregor Langenbrinck Urbanizers als Gesellschaft bürgerlichen Rechts führte. Als Zweipersonen-Combo im Hinterzimmer einer Charlottenburger Altbauwohnung haben wir angefangen, rasch waren wir so viele, dass der schnelle Zuruf über den Schreibtisch nicht mehr ausreichte, um alle wichtigen Infos zu teilen. Das konstante Ringen um die richtige Form der gemeinsamen Arbeit begann. Praktisch und theoretisch ging ich den Weg der Führungskraft weiter – in der Privatwirtschaft noch einmal etwas ganz anderes als die Leitungstätigkeit im öffentlichen Dienst. Im Unternehmen wie außerhalb habe ich dabei großartige Berater:innen, Sparringspartner:innen, Trainer:innen. Als ich allerdings in meinem Führungskräfte-Netzwerk von unseren Plänen erzählte, Urbanizers zur Genossenschaft zu machen, begegneten mir Staunen, Unverständnis, manchmal sogar Besorgnis. „Du willst doch nicht jetzt schon alles aufgeben, was du da aufgebaut hast?“, fragte mich eine Freundin in einem Unterton, als stünde ich unmittelbar vor dem Ruhestand.

Ganz im Gegenteil! Wäre es nicht die Genossenschaft geworden, hätte ich vermutlich bei mir selbst ein langes Sabbatical beantragt, um in die Geheimnisse des Käsemachens einzusteigen, ein Haus zu renovieren, schnell nochmal Baurecht zu studieren oder irgendeinen anderen Neuanfang zu machen. Denn mir fehlten die Herausforderungen. Das Unternehmen weiterwachsen lassen? Nicht wirklich zeitgemäß. Eigene spannende Projekte machen? Schwierig, wenn der Arbeitstag mit externen und internen Meetings überfüllt ist. Ganz neue Inhalte erarbeiten? Punktuell möglich, aber oft durch die Anforderungen des Alltags sehr eingeschränkt.

Seit wir über Einbringungsvertrag, Kompetenzen, Rollen, Satzung, Vorstand und viele Dinge mehr diskutieren, entdecke ich das Unternehmen und meine Kolleg:innen wieder neu. Da gab es manchmal einen Schritt nach vorn und zwei wieder zurück, da war ich wieder manchmal genervt, immer gefordert und habe nochmal ordentlich dazugelernt. Das Unternehmen ist in einem neuen Sinne meins – eine geteilte Plattform. Sie gefällt der Entrepreneurin in mir.

Aus dem Archiv: Handskizze zu Projekt Nr. 9 der Urbanizers GbR © Gregor Langenbrinck 2009

– Marie Neumüllers, 18.02.2025


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